Transgender
Gesellschaft

Leben als Transgender

Wie ist es, ein Transgender zu sein? Ich habe Transfrau Belinda getroffen. Sie hat mir sehr offen über ihr Leben erzählt. Nachfolgend die beeindruckende Story Belinda, die als Walter zur Welt kam.

High Heels und Mini-Rock. Dezenter Schmuck, eine Tätowierung am linken Knöchel. Cowboyhut. Belinda zieht alle Blicke auf sich und sie weiss, welche Reaktionen sie auslöst. Doch was die Leute reden, ist ihr egal. Die Zeit der Heimlichtuerei ist vorbei. Belinda steht heute offen zudem was sie sein will: Eine Frau. Walter ist sie nur noch auf offiziellen Dokumenten und wenn es die Situation verlangt.

Den Macho rausgehängt um sich zu beweisen

«Tief in mir hat es schon immer geschlummert», erzählt sie. Als Kind den Eltern davon zu erzählen, wäre undenkbar gewesen. Ihre frühe Kindheit war von Gewalt geprägt. Belinda wuchs in einem Heim und bei Pflegeltern auf einem Bauernhof nähe Dussnang auf, lernte Schreiner in der Klosterschreinerei Fischingen. Sie behielt für sich, was sie sich in ihrem tiefsten Innern wünschte und lebte ihre Weiblichkeit im Geheimen aus. Doch auch der Mann in ihr wollte sich beweisen. «In der Öffentlichkeit zeigte ich mich als starker Mann», erzählt sie. Sie sei ein Macho gewesen, habe unter anderem als Türsteher, Geldeintreiber und Stripper gearbeitet, habe Designer-Anzüge und Krawatten getragen. Die Tatsache, dass sie als Frau in einem Männerkörper stecke habe sie lange Zeit einfach verdrängt.

«In der Öffentlichkeit zeigte ich mich als starker Mann. Ich war Türsteher, Geldeintreiber und Stripper.»

Belinda

Nicht ohne Folgen: «Es hat mich innerlich fast zerrissen», sagt sie. Der Drang auch in der Öffentlichkeit eine Frau zu sein, sei übermächtig geworden. Der Zeitpunkt war gekommen, an dem sie sich habe entscheiden müssen, wie sie ihr Leben weiterleben wolle. In ihrer Stimme liegt grosses Bedauern als sie sagt: «Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss, hätte ich mich viel früher geoutet.»

Viel Toleranz erlebt

«Ich musste meine Umwelt konfrontieren und hatte grosse Angst, dass sich mir nahestehende Personen abwenden», erzählt Belinda. Erstaunlicher Weise sei aber das Gegenteil eingetroffen. Ihr sei viel Toleranz entgegen gebracht worden. Sie habe mit Menschen Freundschaften geschlossen, die sie vorher nur vom Sehen her kannte. «Ich wurde als Mensch so akzeptiert, wie ich bin. Dadurch habe ich an innerer Stärke gewonnen.»

«Ich wurde als Mensch so akzeptiert, wie ich bin. Dadurch habe ich an innerer Stärke gewonnen.»

Belinda

Viele Menschen kennen Belinda und ihr «Schätzeli», ein weisser Chevrolet Caprice. Sie hegt eine grosse Leidenschaft für alte «Ami-Schlitten» und führt einen kleinen Limousinenservice. «Diese Autos sind ganz speziell, so wie ich», sagt sie lachend. So fährt sie ihre Kundschaft am Abend und am Wochenende vom Ausgang nach Hause oder fährt Brautpaare zur Kirche. Und meist fährt sie in High Heels. Schmerzende Füsse kennt sie nur zu gut. «Darum habe ich immer mindestens vier paar Schuhe im Auto», erzählt Belinda und fügt hinzu: «Natürlich auch High Heels.»

Lieber Cowboyhut als Perücke

Wenn Belinda unterwegs ist, trägt sie immer einen Cowboyhut. Sie habe früher Perücken mit langen Haaren getragen, aber die möge sie nicht besonders, gibt sie zu. «Ich liebe die Countrymusik und der Hut ist zu meinem Markenzeichen geworden», sagt sie. «Die Autos sind nur mein Hobby», den Lebensunterhalt bestreite sie als Schreiner in einer Möbelschreinerei in Amlikon. In Frauenkleidern? Belinda lacht und antwortet: «Nein, alle Mitarbeitenden in der Werkstatt haben einheitliche Arbeitskleidung.»

Zu spät für eine Operation

Den definitiven Schritt zur Frau auch operativ durchzuführen hatte Belinda lange Zeit vor sich hergeschoben. Zu lange. «Heute ist es zu spät», bedauert sie. Aus gesundheitlichen Gründen sei eine Operation nicht mehr möglich. «Hätte ich mich nur früher darum gekümmert», sagt sie nachdenklich, für sie wäre eine Operation wichtig gewesen. Sie hält kurz inne. Dann lächelt sie und sagt: «Ich kann jetzt wenigstens ausleben, was ich sein möchte und muss mich nicht mehr verstecken.»

Bild: Pexels.com

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