Steinadler ausgewildert

Der Steinadler ist Symbol für Macht, Stärke und Siegeswille und gilt als König der Lüfte. Eine Unachtsamkeit kann jedoch auch ein König zu Fall bringe. Ein über zehnjähriges Steinadlermännchen wurde an einem Novembertag auf der Umfahrungsstrasse bei Lichtensteig im Toggenburg mit einem gebrochenen Flügel aufgefunden.

Man brachte den Greifvogel in die Obhut von Paul Moser in die Pflegestation für Wildvögel in Gossau (SG). Im Juli des darauffolgenden Jahres schien das Wetter günstig den gesund gepflegten Findling in sein Revier auf dem Köbelisberg zu entlassen.

Auf dem Köbelisberg, auf rund 1000 Meter über Meer, zieht ein frischer Wind. Vereinzelte Tröpfchen fallen vom Himmel. Dunkle Wolken verdecken den Säntis. Ein Blick auf die anderen Seite offenbart die Sicht vom Neckertal bis hin zum Bodensee. Pfleger Paul Moser, Max Stacher, Wildhüter im Bezirk Untertoggenburg und einige Adlerfreunde haben sich an diesem Samstagmorgen dort eingefunden. Paul Moser zieht sich Lederhandschuhe über und öffnet die Vogeltransportkiste ganz langsam. Dann nimmt er das Tier vorsichtig aus der Kiste und setzt es in die Wiese. Das Tier bleibt, ganz ruhig liegen und lässt sich mit Wegfliegen Zeit. Zeit, die wie geschaffen ist, um einen Rückblick auf die vergangenen Monate zu wagen.

Paul Moser und seine Familie betreibt die Pflegestation in Gossau nebenberuflich und aus fast reinem Idealismus. Während des Aufenthalts in der Pflegestation wurde der Adler mit ganzen Beutetieren, solchen mit Haut und Haar gefüttert. Kücken oder Kaninchen beispielsweise. Den nur solches Futter ist für den Adler artgerecht, sonst kann es Probleme mit der Verdauung geben. Allerdings hat sich Emilio, so wurde der Vogel vom Pfleger und seiner Familie genannt, nie in den Teller schauen lassen. Moser erzählt, dass er den Adler kein einziges mal gesehen habe, wie er gefressen hat. Der Pfleger begründet dieses Verhalten mit dem Alter des Adlers. Ältere Tiere werden nicht zahm. Aber das sei gut so, meint Moser, er habe immer die Distanz zum Tier wahren wollen, schliesslich käme der Tag der Auswilderung früher oder später. Das Alter eines Adlers ist an der Augen- und der Federfarbe zu erkennen. Ist das Tier älter als zehn Jahre kann Aufgrund der Abnützung der Krallenhaut und des Schnabels die fehlenden Jahre dazugeschätzt werden. Emilio wurde so auf etwa 15 Jahre geschätzt.

Der gebrochene Flügel des Tieres wurde für etwa zwei Monate fixiert. In den letzten drei Monaten trainierte Moser mit dem Adler wöchentlich in einer Reithalle im Tiergesundheitszentrum Uzwil das Fliegen und baute damit die verkümmerten Muskeln wieder auf. Vor den Krallen müsse man sich am meisten in Acht nehmen, sagt Moser und fügt an, dass er mit ihnen die Beute töte. Wenn ein Adler seine Beute gegriffen habe, lasse er nicht mehr los.

Der Adler liegt noch in der Wiese. Einen Augenblick später spannt der Vogel seine Flügel auf über zwei Meter auf. Einige Sekunden und zwei, drei Flügelschläge später gleitet der Adler im Wind davon. Dann zieht er einen Bogen verschwindet hinter einem Waldstück. Man sehe den Vogel wohl davon fliegen, was jedoch mit ihm Geschehe, dass könne man nie genau wissen, sagt Moser. «Eine Auswilderung ist immer mit einem Risiko verbunden», sagt er und fügt an, dass für ihn der Vogel zufriedenstellend abgeflogen sei. Auch Wildhüter Stacher ist der Meinung, dass dieser Standort für die Auswilderung günstig gewesen sei. Der Wildhüter, der Vogelpfleger und die Adlerfreunde bleiben noch einen Moment stehen, schauen durch ihre Ferngläser, in der Hoffnung noch einmal einen Blick auf Emilio zu erhaschen. Nur einmal noch kreist dieser in der Ferne am Himmel, bevor er wieder hinter dem Waldstück verschwindet.

 

Steinadler fast ausgestorben
Der ausgewilderte Emilio liegt mit seinen 3800 Gramm Gewicht im Durchschnitt. Weibchen sind grösser und können ein Gewicht von über 6000 Gramm erreichen. Der Steinadler ernährt sich von allerlei Beutetieren. Von der Maus bis zum Reh- und Gemskitz steht alles auf seinem Speiseplan. Dieser wird auch durch Aas ergänzt. Früher war der Steinadler in ganz Mitteleuropa verbreitet. Er wurde von Jägern verfolgt und war um 1900 beinahe ausgerottet. Es dauerte 52 Jahre, bis er unter Schutz gestellt wurde. In der Schweiz gibt es zu Zeit rund 300 Paare. Steinadler sind monogam und halten sich ihr Leben lang die Treue. Steinadler Emilio muss nach seiner langen Abwesenheit seinen Platz in der Adlergesellschaft im Gebiet zuerst wieder finden.
©Melanie Graf
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