Bruderhähne

Das Zweinutzungshuhn im Einsatz

Zur Eier- und Fleischproduktion werden unterschiedliche Hühnerrassen eingesetzt. Coop hat mit einem Zweinutzungshuhn ein Projekt gestartet, das in Lege- wie auch in Mastbetrieben zum Einsatz kommt. Ein Augenschein mit Projektleiter Basil Mörikofer auf dem Bio-Hof von Adrian Manser in Gossau, dem einzigen Pilotbetrieb in der Ostschweiz.

Adrian Manser klopft an die Stalltüre. Langsam öffnet er sie und betritt sogleich den Aussenklimabereich. Statt Reissaus zu nehmen und in die hinterste Ecke des Wintergartens zu flüchten, bleiben die Hennen stehen, beäugen die Besucher ganz genau und scharen sich um sie. Sie nähern sich ihren Füssen, zupfen an den Schuhüberzügen, an den Schuhbändeln oder an der Hose. Es scheint fast so, als würden die Hennen die Besucher willkommen heissen.

2000 Hennen sind in Mansers Stall untergebracht. Der Stall wurde 2012 nach Richtlinien von Bio Suisse gebaut. Der Landwirt stieg damals mit braunen Legehennen in den Betriebszweig ein und ergänzte damit seine Milchviehhaltung mit der Produktion von Bio-Eiern. Im Januar stallte er erstmals eine neue Rasse ein: Das Lohmann Dual. Der Biobauer aus Gossau beteiligt sich am Praxisversuch des Grossverteilers Coop, welches die Zweinutzungsrasse auf Schweizer Betrieben testet.

Im Januar 2014 hatte Coop den Praxisversuch mit 5000 Zweinutzungsküken begonnen – 2500 weibliche und 2500 männliche. Im September 2014 und im Januar 2015 konnten die Serien zwei und drei mit nochmals je rund 4500 Küken gestartet werden. Das Fleisch der Hähne kam zu Ostern als ganze Poulets in die Läden. Die Legehennen befinden sich in zwei Ställen: im luzernischen Root und im st. gallischen Gossau. Die nächste Generation Masthühnchen befindet sich derzeit in einem Aufzuchtstall.

Die Idee einer Zweinutzungsrasse ist nicht neu. Solche Rassen gibt es schon lange, wie beispielsweise das Schweizerhuhn. Dieses wurde 1905 von Alfred Weiss in Amriswil gezüchtet. Erst nach dem zweiten Weltkrieg begann man mit der Zucht von Hennen mit hoher Legeleistung. Eine solche liefert dem Produzenten heute rund 310 Eier im Jahr. Die Masthybriden wurden für die Fleischproduktion optimiert. Im konventionellen Bereich erreichen die Tiere innerhalb von 40 Tagen das Schlachtgewicht von zwei Kilogramm. Biohähnchen dürfen sich mit 63 Tagen etwas mehr Zeit lassen um ihr Gewicht anzufuttern.

Da nur Legehennen Eier legen, werden die männlichen Küken nach dem Schlüpfen getötet. Die Forschung ist daran, ein Verfahren zu entwickeln, bei dem schon bei den Eiern festgestellt werden kann, ob ein männliches oder weibliches Küken schlüpfen wird. Wann das Verfahren in der Praxis angewendet wird, ist noch offen. Die Uni Leipzig, welche auf diesem Gebiet forscht schrieb in einer Medienmitteilung Ende März: «Bis Ende 2016 wollen wir einen Prototypen für ein Gerät haben, das das Geschlecht im nur drei Tage bebrüteten Ei bestimmt und die Eier entsprechend automatisch sortiert.»

«Auch wir sahen Handlungsbedarf», sagt Projektleiter Basil Mörikofer. Das Lohmann Dual erfülle die Anforderungen eines Zweinutzungshuhns, das Eier und Fleisch liefere, das Töten von Küken sei nicht nötig.

Adrian Manser hebt eine Henne vom Boden auf und hält es in seinen Händen. Das Tier lässt es ohne Widerstand mit sich geschehen. «Ich verbringe viel Zeit im Hühnerstall», sagt der Biobauer. «Diese Rasse ist sehr ruhig und angenehm im Umgang», beschreibt er den Charakter der weissen Henne mit dem roten Kamm und dem ausgeprägten Federkleid. Die Federn reichen dem Huhn bis zu den Füssen. Dadurch sieht es fast kugelförmig aus. «Diese Hühnerrasse ist auch etwas träger als andere», sagt er und entlässt die Henne auf seinen Armen sanft wieder zu ihren Kolleginnen auf den Boden. «Ich bin sehr offen gegenüber Neuem», sagt er. Darum und aus emotionalen Gründen habe er sich bereit erklärt, bei diesem Projekt mitzumachen. «Diese Projekt ist ein Schritt hin zur Natur und ich bin überzeugt, dass diese Rasse in den Biolandbau passt. » Er hege die Hoffnung, dass dieses Projekt erfolgreich ende, denn dadurch würde auch eine neue Nische erschlossen.

Es legt Eier und liefert Fleisch. Doch was das Lohmann Dual wirklich leistet, weiss man noch nicht genau. «Noch fehlt die Vergleichbarkeit», sagt der Projektleiter. Genauere Daten würden erst geliefert werden, wenn man ausstalle. Der Futterverbrauch pro Ei oder pro Gramm Fleisch ist grösser als in leistungsorientierten Betrieben, dass ist Gewiss. «Es ist genetisch bedingt schon gar nicht möglich, dass diese Rasse dieselben Leistung liefert, wie Hochleistungstiere», sagt Mörikofer. Bei den Hähnen wisse man aber bereits, dass diese vor allem an den Schenkeln an Fleisch zulegen würden, weniger an der Brust, deshalb seien die Tiere als ganze Poulets in den Verkauf gekommen.

Die erste Projektphase ist abgeschlossen, die Hennen auf dem Betrieb in Root nach einem Jahr ausgestallt. Die Tiere wurden geschlachtet und das Fleisch zu Charcuterie-Produkte verwertet. Obwohl die Hennen nicht ganz so viele Eier legen wie die herkömmlichen Spezialzüchtungen und die Mastleistung der Hähne etwas geringer ausfalle, sei man bisher sehr zufrieden, versichert Mörikofer. «Wir gehen davon aus, dass wir mit dem Projekt weiterfahren und es vielleicht noch auf drei oder vier weitere Betriebe ausdehnen.»

Produzenten, die sich an diesem Projekt beteiligen, haben keine Verluste zu befürchten. Das ist vertraglich mit dem Grossverteiler geregelt. Deshalb hatte Adrian Manser auch keine Bedenken. Gedanken machte er sich über etwas anderes: Die Infrastruktur die er den neuen Hennen biete, sei dieselbe, die er zuvor auch den braunen, leichteren Legehennen zur Verfügung stellte. Doch das Lohmann Dual ist etwas schwerer. Ist es in der Lage, die normale Infrastruktur zu nutzen? Werden sie Probleme haben, die in der Höhe gelegenen Nester und Sitzstangen aufzusuchen? «Ich sah das Verhalten als grösseres Risiko als die Leistung» gibt Manser zu. Die Bedenken waren umsonst. Das Lohmann Dual verhält sich so, wie es Hühner eben tun.

Der Biobauer hat auf einer Strohballe Platz genommen. Eine Henne flattert auf sein Bein. Er weist auf dessen roten Ohrläppchen hin. Ein Beweis, dass das Lohmann Dual braune Eier legt. Die Eier sind etwas kleiner und die Farben unterscheiden sich in der Helligkeit. Die Eier sind teuer, das streitet niemand ab. Derzeit kostet ein Sechserpack Eier 5.95 Franken. Sie sind in der Ostschweiz (noch) nicht erhältlich. Man kann sie aber in grossen Filialen zwischen Zürich und Basel kaufen. Kleinere Eier, grösserer Preis? Dem Grossverteiler ist diese Minderleistung bewusst. «Aber wie viel ist dem Konsumenten das Tierwohl wert?» fragt der Projektleiter.

Das Lohmann Dual

Fünf Jahre Arbeit stecken im Lohmann Dual. Es ist das Ergebnis von Kombinationen aus verschiedenen Rassen, welche Genetiker von Lohmann Tierzucht aus dem deutschen Cuxhaven miteinander gekreuzt haben. Das Lohmann Dual ist eine Neuzüchtung, welche im Herbst 2013 auf den Markt gekommen ist. Als Eintagesküken kamen die ersten kleinen Federknäuel in die Schweiz und verbachten 18 Wochen auf einem Aufzuchtbetrieb. meg.

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©Melanie Graf

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